Der Fall Luna – Neuanfang oder Ende der Kryptowährungen?

05. Juli 2022

Die Zukunft von Luna, Bitcoin & Co.

Die Turbulenzen bei Kryptowährungen nach dem Absturz von Luna und den herben Kurs- und Vertrauensverlusten bei Bitcoin & Co. sind nach Ansicht von Alfred Taudes, Gründer des WU-Forschungsinstituts Kryptoökonomie und langjähriger Vortragender der WU Executive Academy, ein reinigendes Gewitter. Wie es nach dem Krypto-Supergau jetzt weitergeht, ob das Vertrauen von Anleger*innen und Investor*innen wieder zurückgewonnen werden kann und ob Bitcoin & Co. nach wie vor die Zukunft der Finanzwirtschaft sein werden, analysiert der Krypto-Experte im folgenden Beitrag.

Eine digitale Weltkugel mit Symbolen verschiedener Cryptowährungen
Kryptowährungen sind in einem ständigem Auf und Ab – können sie die Zukunft der Finanzwirtschaft sein? Foto © shutterstock – Vit-Mar

Der Absturz kam heftig und unerwartet: Der Kurs der Kryptowährung Luna stürzte ins Bodenlose, mehrere Milliarden Euro gingen in wenigen Tagen für Investor*innen verloren. Dabei war rund um das dahinterstehende Terra-Netzwerk ein wahrer Hype entstanden. Der Crash wirkte sich auch auf die Kurse von Bitcoin und Ethereum, die beiden größten Kryptowährungen, aus und brachte die gesamte Kryptoszene in Aufruhr. Der Kurs von Bitcoin ist seit Jahresbeginn um 50% eingebrochen und fiel zwischenzeitlich sogar unter die symbolisch wichtige Marke von 20.000 Dollar. Das Wiener Finanzunternehmen Bitpanda, das vor allem als Handelsbörse für Kryptowährungen agiert und bis dato Österreichs einziges Einhorn ist, entließ gerade rund ein Viertel seiner Belegschaft.

Alfred Taudes, Gründer des Forschungsinstituts Kryptoökonomie der WU und wissenschaftlicher Leiter des Austrian Blockchain Center, betrachtet die Entwicklung aber betont nüchtern: „Jetzt ist die Zeit, in der sich die Spreu vom Weizen trennen wird. Was wir nach Einbruch von Luna sehen konnten, war ein Gewitter. Aber wie nach jedem Unwetter wird auch die Krypto-Sonne bald wieder zum Vorschein kommen.“

Bitcoin galt in den letzten Monaten als fad – nun stelle sich aber heraus, dass viele der neuen Kryptowährungen gar nicht dezentral agieren und zum Teil bedenklich sind und sogar gefährlich sein können. Das habe auch der Absturz von Luna gezeigt.

Alfred Taudes Portrait

Alfred Taudes

  • Experte für Kryptoökonomie

Expert*innen hatten bereits gewarnt, dass Luna nicht funktionieren kann. Wenn das Vertrauen mal weg ist, kann so eine Kryptowährung implodieren.

Spekulant*innen, Gier und das vermeintlich schnelle Geld

Taudes weiß aber auch, dass der gesamte Sektor betroffen war, alleine wegen der Kursentwicklung von Bitcoin. Das zeigt, dass zuletzt nur das Spekulieren und die Gier nach raschen Gewinnen im Vordergrund gestanden hatten. „95 Prozent der Leute reden über Kursziele und wollen nur das schnelle Geld machen“, sagt Taudes. Die meisten Investor*innen waren in den vergangenen beiden Jahren dazugekommen, weil man dank Unternehmen wie Bitpanda bequem und rasch investieren konnte. Der Großteil von ihnen dürfte mit ihren Investments nun aber im roten Bereich sein.

„Viele Menschen haben sehr viel verloren, das ist natürlich schlimm“, sagt Taudes. Dennoch ist er sicher, dass Decentralised Finance – das sind Finanzdienstleistungen über dezentrale Plattformen wie eine Blockchain – erst am Anfang stehen. „Zumindest hat der Kursverlust nicht die Realwirtschaft beeinträchtigt.“

Langfristig kann die Ernüchterung sogar etwas Gutes haben. „Wenn die Spekulant*innen mal draußen sind, kann man sich wieder auf Sachen konzentrieren, die die Menschheit wirklich voranbringen – etwa die Bekämpfung der Ungleichheit“, sagt der Kryptoexperte. Während eines Bärenmarkts verschwinden Kryptowährungen nämlich aus den Schlagzeilen und es werden interessante Entwicklungen wie zuletzt NFTs forciert. „Dann geht es wieder vorrangig darum, was man mit der Technologie wirklich machen kann.“

Alt, aber gut: Bitcoin und Ethereum

In den Mittelpunkt rücken nun wieder die ­beiden größten Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum. Bitcoin ist eine Währung, mit der langfristig Vermögen verwaltet werden kann. „Ethereum ist für die Ausführung von Smart Contracs gebaut worden, etwa Bankdienstleistungen oder NFT-Kunst“, erklärt Taudes. Die Hälfte der Marktkapitalisierung steckt in diesen beiden. „Zuletzt hat die Bedeutung von Bitcoin sogar noch zugenommen“, meint Taudes.

Eine Bitcoin-Münze
Bitcoin ist eine der ältesten und größten Kryptowährungen und unterlag zuletzt wieder großen Schwankungen. Foto © unsplash – André Francois Mckenzie

Bei Ethereum wiederum gibt es viele innovative Anwendungen und im Sommer soll die lange angekündigte Umstellung auf eine neue Methode namens Proof-of-Stake stattfinden, was radikale Reduzierung des Energieverbrauchs bedeuten würde. „Damit wird Ethereum für eine Reihe anderer Anwendungen interessant. Derzeit sind die Alternativen zu Ethereum aus Gründen der Nachhaltigkeit und wegen niedrigerer Gebühren im Fokus. Nach der Umstellung werden viele zu Ethereum zurückkehren“, so Alfred Taudes.

Todgesagte leben länger: Der Fall El Salvador

Die Kursverluste von Bitcoin haben auch El Salvador wieder ins Rampenlicht gerückt: Das Land in Zentralamerika akzeptiert seit September diese Kryptowährung als gesetzliches Zahlungsmittel. El Salvador soll laut Medienberichten am Rande des Bankrotts stehen, doch die Regierung beruhigt.

Taudes warnt auch hier vor voreiligen Schlüssen. „Wir werden sehen, wie das Experiment El Salvador ausgeht.“ Man dürfe nicht vergessen, dass Länder wie El Salvador und die Zentralafrikanische Republik – die ebenfalls Bitcoin eingeführt hat – keine eigene Währung hatten. „Das ist monetärer Kolonialismus und Bitcoin bietet eine Chance, da rauszukommen.“

Krypto-Checklist: Was Investor*innen jetzt beachten sollten

  • Risikodiversifikation
    Investitionen in Kryptowährungen sind riskant – es gibt keine Aufsicht und keine Einlagensicherung. Daher sollte ein Investment in diesen Bereich immer nur einen Teil des Gesamtinvestments ausmachen. „Man sollte nie das ganze Geld in ein Asset stecken“, warnt Alfred Taudes.
  • Cool bleiben und Nerven bewahren
    Für Kryptowährungen und die dahinterliegende Blockchain ist die langfristige Entwicklung wichtiger: So können dank Kryptowährungen neue Anwendungen entstehen, die etwa sicheren Transfer von Vermögen ermöglichen. Das hilft Investor*innen, die auf lange Sicht denken. Mehr als 60 Prozent der im Umlauf befindlichen Bitcoins wurden seit mindestens einem Jahr nicht mehr bewegt, zeigen aktuelle Daten.
Eine Monitor mit Analysedaten der Börse
Investor*innen sollten langfristig denken und nicht bei momentanen Schwankungen die Nerven verlieren. Foto © pexels – Alesia Kozik
  • Nur in Kryptowährungen investieren, deren Nutzen man versteht
    Neu auf dem Markt gebrachte Kryptowährungen versprechen das höchste Gewinnpotential, haben aber das größte Risiko. Fallen die Kurse ins Bodenlose, werden derartige Tokens von den Börsen genommen und die Anleger*innen erleiden einen Totalverlust. Man sollte in derartige Kryptowährungen nur investieren, wenn man den dahinterliegenden Nutzen versteht und bereit ist, sich mit ihnen laufend zu beschäftigen.  
  • Hosted oder Unhosted Wallet
    Belässt man die erworbenen Kryptos auf einem von der Exchange verwalteten Wallet (sogenannte „Hosted Wallets“) erspart man sich das Schlüsselmanagement und kann jederzeit problemlos wieder in Euro umtauschen. Allerdings kann der Host des Wallets den Zugang sperren, gehackt werden oder in Konkurs gehen. Bei einem selbst gehosteten Wallet ist man direkt Eigentümer*in, mit allen Rechten und Pflichten - und der Notwendigkeit, bei der Umwandlung in Euro nachzuweisen, dass man nicht in illegale Tätigkeiten verwickelt war. Die Entscheidung Hosted oder Unhosted Wallet sollte daher mit Sorgfalt getroffen werden.

Kryptowährung ist nicht gleich Blockchain – das ist nur einer der Mythen die rund um die Blockchain-Technologie existieren.

Seite teilen