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Paradigmenwechsel statt Hype: Was Blockchain (schon) alles kann

29. August 2019

von Prof. Alfred Taudes

Viele neue, erfolgversprechende Technologien kommen und gehen. Egal, ob es einen weltweiten Hype um sie gibt, oder nicht. Eine aber ist gekommen, um zu bleiben: Blockchain – da sind sich ExpertInnen auf der ganzen Welt sicher. So auch Prof. Alfred Taudes, Vorstand des Forschungsinstituts Kryptoökonomie der WU und langjähriger Vortragender der WU Executive Academy. Welche innovativen Use Cases heute schon möglich sind und in welchen Bereichen die Technologie drauf und dran ist, ganze Branchen zu revolutionieren, hat sich der WU-Blockchain-Experte genauer angesehen.

Symbolisches Bild einer Blockchain
Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, ganze Branchen zu verändern. Foto © CC0 Licence

Anfangs war Bitcoin. Damals wurden Kryptowährungen ebenso wie die damit verbundene Blockchain-Technologie noch als Hype verschrien. Doch die Zeiten ändern sich: Unlängst prognostizierte das World Economic Forum, dass im Jahr 2025 wohl 10 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts mit Hilfe der Blockchain abgewickelt werden.

Ob das der Fall sein wird, ist offen. Allerdings: „Mit der Blockchain findet derzeit ein bahnbrechender Paradigmenwechsel im Wertetransfer statt – mit einem ebenso hohen Stellenwert, wie es das Internet für den Informationstransfer hatte“, sagt Alfred Taudes, Vorstand des Forschungsinstituts Kryptoökonomie der WU Wien und langjähriger Vortragender der WU Executive Academy. „Wie bei der Blockchain am Beginn Bitcoin stand, war es beim Internet anfangs die E-Mail. Die Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain gehen inzwischen aber weit über Kryptowährungen hinaus“, so Taudes, denn: „Sobald eine Technologie anwendungsreif ist, wird sie auch angewendet.“

Bild einer Bitcoin Münze
Blockchain ist nicht nur Bitcoin - die Kryptowährung stand ganz am Anfang des Hypes, die Technologie ist inzwischen vielfältig einsetzbar. Foto © CC0 Licence

Im Folgenden stellt Alfred Taudes innovative Beispiele aus unterschiedlichen Branchen vor, die sich bereits heute erfolgreich der Blockchain-Technologie bedienen. Sie geben einen Vorgeschmack darauf, was die Blockchain in Zukunft zu leisten im Stande sein wird:

1. Bezahlsysteme

Bitcoin ist eine offene Blockchain, zu der jeder Zugang hat. Inzwischen setzen immer mehr Unternehmen auf Kryptowährungen für ihre KundInnen, dem sogenannten „Corporate Money“. So führt etwa Facebook demnächst die globale Kryptowährung Libra ein, was laut Alfred Taudes derzeit bei den Regulatoren für große Verunsicherung sorgt. Auch Walmart hat ein Patent für eine Kryptowährung eingereicht. „Regulatoren sind mit Corporate Money zunehmend überfordert, das ist sicher eine heikle Sache“, so Alfred Taudes. Im jordanischen Flüchtlingscamp Azraq setzt man ebenfalls seit dem Vorjahr auf die Blockchain. So werden Zahlungsvorgänge im Supermarkt des Camps über die Blockchain abgewickelt, zur Identifizierung dient ein Iris-Scan. Dadurch können die UN-Organisationen unabhängig von Banken und anderen Finanzinstitutionen agieren und rund 150.000 Dollar pro Monat einsparen. Das Pilotprojekt soll auf andere UN-Camps ausgeweitet werden. Auch staatliche Organisationen setzen auf Bezahlsysteme per Blockchain: Das Britische Amt für Renten- und Sozialleistungen prüft derzeit den Einsatz der Technologie, China arbeitet an einer staatlichen Kryptowährung. Originell ist die Cryptostamp der Österreichischen Post AG als erste Blockchain-Briefmarke der Welt. Sie wird als „digitales Abbild“ in der Ethereum Blockchain gespeichert, hilft nicht nur klassisch bei der Beförderung von Postsendungen, sondern ist auch ein virtuelles Sammlerstück.

Bild der Blockchain Briefmarke
Die Cryptostamp ist die weltweit erste Blockchain-Briefmarke. Foto © Österreichische Post

2. Industrie

Mit der Roboterisierung in der Industrie wird auch das Thema Datensicherung und Datenaustausch zunehmend wichtiger. Fehlerhafte Datentransfers können massiven Schaden für die betroffenen Unternehmen anrichten. Roboter sind auf Umgebungsdaten angewiesen, die über die Blockchain sicher gespeichert und auch mit anderen Standorten und Fabriken der Industrieunternehmen getauscht werden können. Der Smart-Robot-Anbieter Akeo Plus hat Ende 2018 gemeinsam mit der CEA Grenoble und Industriekonzernen ein Forschungsprojekt gestartet, das die Möglichkeiten der Blockchain in smarten Fabriken auslotet. Alfred Taudes nennt auch das Wiener Startup Riddle & Code, das unter anderem Maschinen mit Chips ausstattet, ihnen so eine digitale Identität verpasst und sie per Blockchain vernetzt. In der Automobilindustrie haben sich BMW, General Motors und Renault-Nissan zusammengetan, um schnellstmöglich und sicher Daten für selbstfahrende Autos zu sammeln. Die Blockchain legt fest, welche Daten für wen in der kollektiven Sammlung abrufbar sein sollen. Laut der Deutschen Energie-Agentur könnte die Technologie auch bei Elektrofahrzeugen maßgeblich werden, was Abrechnungs- und Ladetransaktionen betrifft. Mercedes und Riddle & Code haben auch eine eigene Kryptobox für E-Autos herausgebracht.

Bild eines Servers der mit Blockchain arbeitet
Datentransfer und Datensicherheit sind ein wichtiges Thema im Zeitalter der Digitalisierung. Blockchain kann auch hier nützlich sein. Foto © CC0 Licence

3. Energiewesen

Auch der Energiesektor profitiert laut Alfred Taudes besonders von der Blockchain. Energy Web Chain, die erste öffentliche Blockchain für den internationalen Energiemarkt, wurde im vergangenen Juni gelauncht. Das Ziel: das Handeln mit privat produzierter erneuerbarer Energie wie etwa der hauseigenen Photovoltaik mit den NachbarInnen soll erleichtert werden, ebenso das Bezahlen von Strom für Elektroautos ist transparenter möglich. In Österreich arbeiten der Verbund und die Salzburg AG ebenfalls mit der Blockchain.

4. Handel

Auch für den Handel ergeben sich viele Vorteile, besonders was die Sicherheit in der Wertschöpfungskette betrifft. Betrügereien und Diebstahl sind mit der Blockchain nicht mehr unentdeckt möglich. So bezahlt Fair-Trade-Kaffeehändler Moyee seine Bäuerinnen und Bauern über eine Blockchain-App fair und sofort, über die Kryptotoken wird der jeweilige Produktpreis zu jedem Zeitpunkt in der Supply Chain sichtbar gemacht. Auch Produktverfolgungen bleiben per Blockchain stets nachvollziehbar. „Der Handel kann dadurch enorm von der Blockchain profitieren“, so Alfred Taudes.

5. Medien

Geldverdienen über Content im Internet ist ein großes Thema. Das Problem: „Pay-Walls sind meist abschreckend für die UserInnen“, sagt Alfred Taudes. Über die Plattform Steemit kann Content publiziert werden, basierend auf den Reaktionen (Upvotes) der UserInnen auf den Content wird die Kryptowährung Steem ausgegeben. Die UserInnen verdienen also Geld, je höher ihr Content bewertet wird. Der wohl reichste und populärste YouTuber Pewdiepie ist nun beim blockchain-basierten Streamingdienst DLife aktiv. „Die Bezahlung auf DLife ist transparenter als auf YouTube, das rund die Hälfte der Werbeeinnahmen kassiert“, so Alfred Taudes

Symbolisches Bild einer Paywall, die mit Kryptowährung ersetzt werden kann
Mit Kryptowährungen kann Bezahlung im Internet transparenter abgewickelt werden - als Alternative zu Pay-Walls, die oftmals abschreckend auf die UserInnen wirken. Foto © CC0 Licence

6. Gesundheit

Die Gesundheitsbranche ist jene Branche, die Blockchain bis dato am meisten verwendet. „Gerade im Gesundheitssektor spielt die Blockchain als sichere Lösung eine wichtige Rolle, weil es um höchst sensible persönliche Daten geht“, sagt Alfred Taudes. Das österreichische Unternehmen Grapevine World bietet Blockchainlösungen für den Austausch und Transfer von PatientInnendaten an. Eigentümer Martin Tiani hat mit seinem Startup Tiani Spirit bereits das österreichische Informationssystem ELGA (Elektronische Gesundheitsakte) mitentwickelt, das Daten von ÄrztInnen und Spitälern zugänglich macht. Ähnlich wie ELGA entwickelt Grapevine World eine Verwaltungsplattform, in der PatientInnen über die Blockchain-Technologie proaktiv ihre Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen können, um etwa eine zweite Meinung bei ÄrztInnen einzuholen. Ein Pilotprojekt läuft bereits mit der „Medakte“ in Kooperation mit dem Medizintourismus-Zentrum Austrian Health. Die PatientInnendaten bleiben stets am Herkunftsort gespeichert, abgerufen werden können sie nur mit Erlaubnis der PatientIn. 

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