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Status: kompliziert. Fachwissen: dringend nötig.

26.07.2017

Anwältin Ulla Reisch im Interview

Asamer, baumax und die Hypo Alpe Adria, zuletzt Zielpunkt, Vögele Shoes und jetzt auch noch Butlers: In den vergangenen Jahren ist es in Österreich immer wieder zu außergerichtlichen Restrukturierungen und Insolvenzen von großen (Konzern-) Unternehmen gekommen. Und auch wenn es gerade ruhiger auf dem Markt zugeht – spätestens wenn die Zinsen steigen, werden so manche Unternehmen wieder in die Krise geraten.

Der Konkurs droht, eine Restrukturierung wird angedacht, das bedeutet: es wird heikel. Diese Fälle sind für die Unternehmen selbst, aber auch für die UnternehmensberaterInnen, WirtschaftsprüferInnen und BankmitarbeiterInnen ebenso komplex wie für RestrukturierungsmanagerInnen, Gläubiger- und SchuldnervertreterInnen. Die WU Executive Academy hat daher den Lehrgang „ExpertIn für Insolvenzrecht“ ins Leben gerufen, der betriebswirtschaftliches und juristisches Wissen punktgenau vereint und alle relevanten Fragen aus der Praxis beantwortet.

Die Rechtsanwältin Dr. Ulla Reisch von der Wiener Kanzlei Urbanek/Lind/Schmied/Reisch Rechtsanwälte hat viel Erfahrung mit großen Insolvenzverfahren. Sie war an der Konzeption des Lehrgangs maßgeblich beteiligt, der ab Herbst an der WU Executive Academy zum zweiten Mal startet. Die Spezialistin für Insolvenzrecht, Unternehmenssanierung und Gesellschaftsrecht wird das 3. Modul „Außergerichtliche Restrukturierung“ gestalten.


Insolvenzrecht im Berufsalltag

Wie einigt man sich außergerichtlich? Worauf muss man als GläubigerIn achten? Expertin Ulla Reisch gibt in unserem Lehrgang „ExpertIn für Insolvenzrecht“ Antwort – und im folgenden Interview. In diesem Video-Beitrag erzählt sie, welche Kompetenzen JuristInnen und BetriebswirtInnen brauchen, um mit Restrukturierungs-Fällen gut zurecht zu kommen.

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Neben diesem strategischen wirtschaftlichen Know-How, welche Kompetenzen brauchen JuristInnen, BeraterInnen, MitarbeiterInnen von Banken und RestrukturierungsmanagerInnen darüber hinaus?

Dr. Reisch: Bei besonders komplexen und diffizilen Fällen sollte man auch darüber entscheiden können, wann weitere ExpertInnen zu Rate gezogen werden müssen. Wenn es zu Unternehmensveräußerungen kommt, ist auch auf die Bestimmungen des Kartellrechts im Hinblick auf das Erreichen von Schwellenwerten und Umsatzgrenzen Bedacht zu nehmen, etwa bei Zielpunkt oder bei Vögele Shoes, wie ich aus meiner Erfahrung als Schuldnervertreterin in diesen Fällen weiß. Gerade bei grenzüberschreitenden Insolvenzen oder außergerichtlichen Restrukturierungen sind Sprachkenntnisse und hier insbesondere Englisch gefordert. Für Großkonzerninsolvenzen mit Tochtergesellschaften im Ausland muss eine BeraterIn oder InsolvenzverwalterIn auch in den betroffenen Ländern vernetzt sein. Es ist notwendig zu wissen, wie die Kapitalerhaltungsvorschriften in anderen Ländern ausgestaltet sind und ob die Tochtergesellschaften saniert werden können oder nicht.

Auch strafrechtlich gesehen haben sich die Fälle gehäuft. Betrügerische Krida ist öfter ein Thema, wenn etwa Vermögenswerte vor der Insolvenz transferiert werden. Sehr wichtig ist darüber hinaus das Gesellschaftsrecht und dieses ist relativ komplex. InsolvenzverwalterInnen haben in gesellschaftsrechtlicher Sicht zu prüfen, ob Forderungen gegen GesellschafterIn, GeschäftsführerIn oder diesen nahe stehenden Personen geltend gemacht werden können, wie beispielsweise etwa bei der Einlagenrückgewähr oder einem Verstoß gegen Eigenkapitalersatzbestimmungen. Gerade zur Einlagenrückgewähr gibt es neue Judikatur, hier ist es wichtig, sich als klassische/r InsolvenzrechtlerIn weiterzubilden. Ähnliches gilt für den komplexen Rechtsbereich der Anfechtung. Zu diesen Themen gibt es Schwerpunkte im Lehrgang.

 

MasseverwalterInnen müssen rasch entscheiden und Verantwortung übernehmen. Auf welche Hürden stößt man hier?

Dr. Reisch: InsolvenzverwalterInnen kommen von heute auf morgen in ein Unternehmen. Sie müssen die richtigen Fragen stellen und Erfahrung haben, wem man vertrauen kann. Das sind wichtige Erfahrungswerte, denn: Der Schaden vergrößert sich für die GläubigerInnen, wenn ein Unternehmen fortgeführt wird, das eigentlich nicht fortführungsfähig ist. Zum Glück ist die Rechtsprechung in den ersten paar Wochen masseverwalterfreundlich, sonst würde man niemanden finden, der sich drüber traut. Aber spätestens bei der Berichts- und Prüfungstagsatzung muss ich als InsolvenzverwalterIn Farbe bekennen und mich auch mit entsprechendem Nachdruck für oder gegen eine Fortführung des Unternehmens aussprechen.

Anblick von oben auf Bücher
Interview mit Dr. Ulla Reisch, Spezialistin für Insolvenzrecht, Unternehmenssanierung und Gesellschaftsrecht

Wie ist es bei außergerichtlichen Restrukturierungen?

Dr. Reisch: Die Tendenz der letzten Jahre war, große Restrukturierungsfälle außergerichtlich abzuwickeln, wie etwa bei Heta, Asamer und baumax. Nur: Wie ein außergerichtlicher Ausgleich mit den GläubigerInnen abgeschlossen wird, lernt man an der Universität gar nicht. Es sind alle GläubigerInnen gleich zu behandeln. Man muss wissen, wie eine außergerichtliche Vereinbarung richtig zu formulieren ist und gewisse Milestones einführen, damit bestimmte betriebswirtschaftliche Maßnahmen vom betroffenen Unternehmen umgesetzt werden.

Auch mögliche Konsequenzen bei Nichteinhaltung müssen vertraglich festgelegt werden. Gerade für BankenmitarbeiterInnen ist das betriebswirtschaftliche Know-how sehr wichtig, um abschätzen zu können, welche Maßnahmen im Rahmen einer außergerichtlichen Restrukturierung überhaupt sinnvoll sind und ab wann ein Insolvenzverfahren doch die bessere Wahl ist. Dies ist auch zur Vermeidung von möglichen Anfechtungsthematiken ein wesentlicher Aspekt. Die juristische Umsetzung der Restrukturierung erfolgt dann in der Regel durch von den Banken hinzugezogene RechtsanwältInnen.

 

Sie konzentrieren sich in Ihrem Modul im Lehrgang auf außergerichtliche Restrukturierung. Was ist das konkrete Ziel?

Dr. Reisch: Ich möchte damit zeigen: wann macht es Sinn, einen außergerichtlichen Ausgleich anzustreben und wann nicht? Da gibt es viele betriebswirtschaftliche, aber auch strategische Parameter. Es wird Tipps und Handlungsanleitungen von uns geben, wie man die GläubigerInnen dazu motiviert, einem Ausgleich zuzustimmen, der aber für alle Stakeholder der beste Weg sein muss. Dazu braucht es eine betriebswirtschaftliche Analyse im Vorfeld.

Dann geht es weiters darum, die außergerichtliche Restrukturierung rechtlich bestmöglich zu gestalten, um eine positive Fortbestandsprognose zu erlangen und damit nicht in Haftungspflichten aus Sicht aller Stakeholder bzw. Anfechtungsthemen zu kommen. Man braucht dazu einige Wochen, um mit GläubigerInnen zu verhandeln. Meist läuft in dieser Zeit auch die Frist der Insolvenzantragspflicht nach der Insolvenzordnung für die Organe des Unternehmens. Wie ist richtig vorzugehen, um das Haftungsrisiko für die GeschäftsführerInnen möglichst zu minimieren? Wie schafft man es, dass bei Neulieferungen keine neuen Gläubigerpositionen entstehen? Wir werden auch das Thema der Restrukturierung von Anleihen behandeln. Das sind sehr praktische Themen.  

 

Wo sehen Sie für UnternehmensberaterInnen, SteuerberaterInnen, WirtschaftsprüferInnen und RestrukturierungsmanagerInnen Vorteile, diesen Lehrgang zu besuchen?

Dr. Reisch: Für RestrukturierungsmanagerInnen und BeraterInnen geht es vorrangig darum, das eigene Haftungsrisiko bei der Umsetzung von Restrukturierungen und bei der Beratung im Rahmen dieser zu minimieren. Sie müssen die Themen und den Bedarf an Know-how richtig einschätzen können.

 

Das Curriculum vereint betriebswirtschaftliche und rechtliche Fachkenntnisse. Wie sehen Sie hier die Bedeutung des Lehrgangs?

Dr. Reisch: Im Verein ReTurn sind wir etwa 400 Mitglieder aus verschiedensten Berufsgruppen, die sich mit dem Thema Restrukturierung beschäftigen. Für ReTurn-Mitglieder ist der Lehrgang eine sehr gute Ergänzung zu ihrer praktischen Tätigkeit und umgekehrt bringen wir starken Praxisbezug in die Lehre. Auch Nicht-Mitglieder profitieren von der Teilnahme sehr, denn sie können zusätzlich Erfahrungen austauschen und sich vernetzen.

 

Der Lehrgang „ExpertIn für Insolvenzrecht“ startet am 13. Oktober 2017. Erlangen Sie praxisorientierte Expertise im Bereich Insolvenz, Konkurs und Restrukturierung in nur 10 Tagen. Juristische Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Weitere Infos finden Sie hier:

 

 

 

 

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