The Automated CEO: Ist KI die bessere Führungskraft?

08. Juni 2023

Kommen jetzt die Robo-CEOs?

Die KI ist auf dem Vormarsch: Fireflies läuft automatisch während des Zoom-Calls mit und erstellt erstklassige Zusammenfassungen, D-ID generiert auf Knopfdruck aus Texten Videos mit „fiktiven“ Menschen, die kaum von der Realität zu unterscheiden sind, und ChatGPT verfasst Essays, analysiert Finanzdaten, reagiert auf Kund*innenanfragen und hilft Studierenden beim Lernen. Was aber bedeuten diese Entwicklungen für Führungskräfte? Kommen jetzt die Robo-CEOs?

Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, hat sich die wichtigsten Aufgaben von Führungskräften angesehen und analysiert, welche Führungsaufgaben KI zukünftig übernehmen kann, wo KI eine wertvolle Entscheidungshilfe sein wird und welche Leadership-Tätigkeiten KI niemals ausführen wird können, egal wie fortgeschritten sie sein mag.

Sind KIs auch für Führungskräfte eine Bedrohung? Bild: shutterstock – Jirsak - ein Anzug und darüber ein Gehirn aus blauen Punkten
Sind KIs auch für Führungskräfte eine Bedrohung? Bild: shutterstock – Jirsak

ChatGPT, das Tool des US-Unternehmens OpenAI, an dem unter anderem Microsoft beteiligt ist, macht die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz mittlerweile auch schon für Nicht-Digitalexpert*innen greifbar – und lässt am Horizont erkennen, wohin die KI-Reise gehen könnte. Die jüngsten Beweise, wie weit bereits KI fortgeschritten ist, sorgen nicht nur für Schlagzeilen, sondern auch für Panik: Millionen Arbeitsplätze weltweit sollen durch den technologischen Schub gefährdet sein. Tatsächlich stehen gewisse Arbeitsbereiche – wie etwa repetitive Aufgaben, die leicht durch Algorithmen und Maschinen ersetzt werden können – durch den Einsatz von KI vor gravierenden Änderungen.

Ein Aspekt wurde bisher aber eher ausgeklammert: Führungsaufgaben sind auf den ersten Blick kaum vom Vormarsch maschineller Intelligenz bedroht. Aber ist das wirklich so?

Mein Chef, der Robo-CEO?

NetDragon Websoft, Hersteller von Online-Spielen mit Sitz in Hong Kong, hat den menschlichen CEO einer Tochterfirma kurzerhand durch einen KI-Chef ersetzt. Der Maschinen-CEO trifft nun genau jene Entscheidungen, die angeblich nur Menschen treffen können – etwa welche unternehmerischen Risiken eingegangen werden können und wie effiziente Arbeitsplätze gestaltet sein sollten. Und die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen: Die Kennzahlen des Unternehmens haben sich im Vergleich zum Markt sehr gut entwickelt.

Einzelfall oder Trend? Tatsächlich sind bestimmte Bereiche der klassischen Führungsarbeit dazu prädestiniert, KI zumindest in Teilbereichen in Anspruch zu nehmen.

Welche Leadership-Aufgaben aber kann KI, und welche nicht? 

Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, sagt: „Prinzipiell kann eine Maschine ureigen menschliche Fähigkeiten nicht ersetzen, sehr wohl aber gezielt unterstützen.“ So könne KI bei der Auswertung von Daten – im Speziellen großer Datenmengen – und bei der strukturierten Vorbereitung von Entscheidungen zum Einsatz kommen.

Barbara Stöttinger Portrait

Prof. Barbara Stöttinger

  • Dekanin der WU Executive Academy

Kreativität und Einfühlungsvermögen aber sind zutiefst menschliche Eigenschaften, die auch für Führungskräfte weiterhin von Bedeutung sein werden.

Wie könnte der Einsatz von KI bei unterschiedlichen Managementaufgaben konkret aussehen bzw. wo kann KI die menschliche Führungskraft zumindest teilweise ersetzen? Die Leadership-Expertin hat diese Fragen anhand der wichtigsten Aufgaben von Führungskräften analysiert:

  • Strategie und Planung

„Künstliche Intelligenz ist ein Tool – nicht mehr und nicht weniger“, sagt Stöttinger. Die Auswertung von Daten durch KI, bei Bedarf auch innerhalb kurzer Zeit, kann die Grundlage strategischer Entscheidungen sein, die letztlich aber nur Menschen treffen könnten. Schließlich umfasst die Strategie auch Werte, Visionen und Überzeugungen, die von der jeweiligen Organisation definiert und verfolgte werden müssen.

  • Organisation

„In Bereichen, in denen Standardisierung und Optimierung nötig sind, kann KI viel Gutes tun“, sagt Stöttinger. Maschinen können strukturiert arbeiten, haben jedoch dort Grenzen, wo es um Ideen, um Innovation, um das Denken außerhalb der Norm geht. Es komme in Unternehmen immer auch auf jene Kombination von Faktoren an, die Menschen entsprechen, beispielsweise Emotion und Verständnis für Beziehungen.

Prof. Barbara Stöttinger Portrait

Prof. Barbara Stöttinger

  • Dekanin der WU Executive Academy

Spontan auf ein geändertes Umfeld zu reagieren und Herausforderungen in Chancen umzuwandeln, das können Menschen besser.

  • Kontrolle und Finanzen

In diesem Bereich bietet der Einsatz von KI vielfach Möglichkeiten, weil große, oftmals sperrige Daten ausgewertet werden müssen und wichtige Details in dieser Datenmenge verborgen sein könnten, die als Grundlage für Entscheidungen nicht selten entscheidend sind. Dennoch blieben Erfahrung und menschliches Fingerspitzengefühl, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, unersetzlich, meint Stöttinger „Routinierte Wirtschaftsprüfer*innen mit 30 Jahren Berufserfahrung erkennen oft mit einem Blick, wo es hapern könnte.“

Wenn es um die Bearbeitung, Zusammenführung und Ordnung vieler Daten geht, bieten KIs viele Möglichkeiten. Daraus Schlüsse zu ziehen wird, vorerst, wohl in Menschenhand bleiben. Bild: shutterstock – Askhat Gilyakhov - viele Datenströme werden aufgeteilt
Wenn es um die Bearbeitung, Zusammenführung und Ordnung vieler Daten geht, bieten KIs viele Möglichkeiten. Daraus Schlüsse zu ziehen wird, vorerst, wohl in Menschenhand bleiben. Bild: shutterstock – Askhat Gilyakhov
  • Human Resources

Maschinen helfen hier schon seit längerem, etwa indem sie Lebensläufe und Motivationsschreiben nach bestimmten Schlagworten durchsuchen und eine Vorauswahl treffen bzw. darüber entscheiden, wer in die nächste Runde kommt. „Maschinen sind weniger voreingenommen als Menschen, was im Personalwesen durchaus ein Vorteil ist“, so Stöttinger. Letzten Endes braucht es in diesem Bereich aber wiederum menschliche Entscheidungen, auch weil das Zwischenmenschliche, also die sprichwörtliche „Chemie“ passen muss. Das, oder, wenn es um die Motivation von Mitarbeiter*innen oder die Vermittlung der Vision des Unternehmens geht, ist nichts, was Maschinen überlassen werden kann.

  • Kommunikation

Die Vor- und Aufbereitung der Grundlagen für eine Entscheidung kann eine KI übernehmen, beispielsweise die Analyse von Kund*innendaten. Doch die Kommunikation selbst – nach innen und nach außen – muss von Führungskräften ausgehen. Transparente, verständliche Kommunikation und der aktive Umgang mit Feedback und (konstruktiver) Kritik sind nur von Menschen, und nicht maschinell zu bewältigen. „Überall dort, wo es um zwischenmenschliche Beziehungen, Vertrauen, oder Wertschätzung geht, werden Menschen unersetzlich bleiben. Denken Sie etwa an Mitarbeiter*innen- oder Verkaufsgespräche“, meint Stöttinger.

In die zwischenmenschliche Domäne wird die KI wohl noch länger nicht vorstoßen können. Bild: unsplash - ein Mann und ein Frau schlagen ihre Hände in der Luft zusammen
In die zwischenmenschliche Domäne wird die KI wohl noch länger nicht vorstoßen können. Bild: unsplash

KI vs. Mensch in Ausnahmesituationen

Pandemie, Wirtschaftskrise oder Krieg: Auch in Krisenlagen werde die KI ein Tool bleiben, das unter anderem früh vor etwaigen Gefahren warnen kann. Doch welche Schlüsse daraus gezogen werden und wie die Krisenkommunikation abläuft – das bleibt Führungskräften aus Fleisch und Blut vorbehalten.

„Manchmal braucht es eine paradoxe Intervention, also eine Entscheidung, die genau das Gegenteil von dem ist, was normalerweise in einer derartigen Situation zur Anwendung kommt – einfach um die Scheuklappen des täglichen Lebens abzulegen und wieder bereit für Neues zu sein. Erklären Sie mir bitte, wie das eine KI bewerkstelligen soll“, sagt Barbara Stöttinger.

Generell sollten Führungskräfte – wie im übrigen Arbeitskräfte oder Studierende auch - sich auf das konzentrieren, was Maschinen eben nicht können: Empathie, Einfühlungsvermögen, kritisches Denken, oder soziales Verständnis.

Plädoyer für die menschliche Führungskraft

Für Barbara Stöttinger ist Furcht vor der KI jedenfalls nicht angebracht. „Schon bei der Einführung von Computern war es ähnlich.“ Es gäbe keinen Weg zurück, nun gehe es um den sinnvollen Einsatz und der Gestaltung nach eigenen (menschlichen) Wünschen.

„Wir haben als Menschen so viele Aspekte, die uns gegenüber Maschinen überlegen machen.“

Und die Dekanin bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: „Der zukünftige Einsatz von KI spielt für Europa eine große Rolle.“ Europa könnte auf diesem Feld einen differenzierten Zugang finden und sich dabei von den USA und China abheben. „Nicht die „the winner takes it all“-Mentalität und nicht den völligen Überwachungsstaat, sondern die Mitarbeiter*innen ins Zentrum stellen: für eine Technologie, die dem Menschen dient, und nicht umgekehrt. Stichwort Digitaler Humanismus oder Corporate Digital Responsibility, wie dieser europäische Ansatz auch genannt wird. Wir wollen neue Technologien nutzen und zugleich unseren Werten folgen. Und genaue hier kommt menschlichen Führungskräften eine zentrale Rolle zu.“

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