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Wo die großen Innovationen herkommen

21. Februar 2017

Der Unterschied zwischen der Realität und dem, was ManagerInnen glauben

ManagerInnen, die Innovation anstreben, müssen wissen, welche Quellen dafür am vielversprechendsten sind. Eine aktuelle Befragung von 1.758 EntscheidungsträgerInnen aus dem privaten und öffentlichen Sektor in Österreich zeigt, dass hier eklatante Fehleinschätzungen vorherrschen.

Prof. Nikolaus Franke, Akademischer Direktor des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation und Leiter des Instituts für Entrepreneurship & Innovation an der WU Wien, spricht über die besten Innovationsquellen, die überraschenden Ergebnisse der Studie und die vielversprechendsten Methoden, Innovation effizient zu organisieren.

Blitz

Die Fähigkeit zur Innovation ist in praktisch allen Branchen mittlerweile der entscheidenste Erfolgsfaktor im Wettbewerb. Wer die Fähigkeit hat, neue Produkte, neue Dienstleistungen, neue Geschäftsmodelle und neue Prozesse zu generieren und durchzusetzen, kann heute schneller wachsen und höhere Gewinne machen als je zuvor – wem Innovation fehlt, riskiert der schöpferischen Zerstörung zum Opfer zu fallen. Das Wissen, woher die nächsten radikalen und womöglich disruptiven Innovationen kommen, ist daher von entscheidender Bedeutung für alle Organisationen.

Die wichtigste Quelle für Innovationen: User und Userinnen

Es gilt seit einigen Jahren als gesicherte Erkenntnis der Innovationsforschung, dass UserInnen die wichtigsten Innovationsquellen sind. Zahllose Innovationen, vom Mountain Bike über die Herz-Lungen-Maschine, „atmenden“ Schuhen, Flugzeugen, bis hin zum Internet stammen von NutzerInnen, die Trends angeführt und dringend eine Lösungen für ein Problem gesucht haben. Eric von Hippel (MIT) und KollegInnen belegten in einer Reihe von Studien, dass ein großer Teil der jeweils wichtigsten Innovationen eines Marktes auf Ideen und Prototypen von UserInnen zurückgehen.

Im Zeitalter der „Connectedness“ hat sich diese Dominanz weiter verstärkt. Es ist heute so einfach, sich über Foren und Online-Communities mit Anderen zu vernetzen, auszutauschen und fehlendes Wissen zu erschließen. Die Österreichischen Bundesministerien für Verkehr, Innovation und Technologie sowie für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft haben 2016 aufgrund der Bedeutung von UserIn-Innovation eine nationale Open-Innovation-Strategie erarbeitet.

Was denken ManagerInnen? Eine aktuelle Studie der WU Wien und TU Hamburg

Um zu untersuchen, wie weit diese Erkenntnis in der Praxis verbreitet ist, führten das Institut für Entrepreneurship und Innovation der WU Wien (Prof. N. Franke, P. Bradonjic, MSc.) und das Institut für Innovationsmarketing der TU Hamburg (Prof. C. Lüthje) eine Befragung von 1.768 EntscheidungsträgerInnen in Unternehmen, Politik und Wissenschaft durch.

Die Befragten wurden aufgefordert zu schätzen, wie sich die jeweils wichtigsten Innovationen in den Bereichen Medizin-Apps, Off-Label-Medikamente, disruptive Innovationen, wissenschaftliche Instrumente, Kajaksport, Windsurfen, Mobile Finanzdienstleistungen, Bankdienstleistungen für FirmenkundInnen sowie Bankdienstleistungen für PrivatkundInnen auf die möglichen Quellen „UserIn“, „Herstellerunternehmen“, „Universitäten/Forschungseinrichtungen“ und „ErfinderIn/sonstige DienstleisterIn“ verteilen. Für alle Innovationen liegen wissenschaftlich abgesicherte Informationen über die tatsächliche Quelle vor. Die aggregierten Schätzwerte können damit mit den tatsächlichen Werten verglichen werden.

Ergebnis: Eine drastische Unterschätzung der UserInnen

Insgesamt unterschätzten die befragten EntscheidungsträgerInnen UserInnen als Innovationsquelle um 58% - die wahre Bedeutung dieser wichtigsten Quelle wird also durchschnittlich nicht einmal zur Hälfte erkannt. Nur eine winzige Minderheit der 1.758 Befragten – genau 9 Personen – schätzen die Bedeutung von UserInnen korrekt ein oder überschätzten sie leicht, 99,5% der ManagerInnen dagegen glaubten, dass auf UserInnen weniger Innovationen zurückgehen als dies tatsächlich der Fall war. Die Unterschätzung zieht sich dabei quer durch alle Branchen, Organisationsgrößen, Hierarchieebenen, Funktionsbereiche und Bildungshintergründe. Man kann also sagen, dass es sich bei der Unterschätzung von UserIn-Innovationen um eine stabile und systematische Wahrnehmungsverzerrung handelt.

Ursachen dieser Wahrnehmungsverzerrung

Als Gründe für diesen überraschend deutlichen Befund bieten sich zwei Erklärungen an. Zunächst fehlt es einfach an Wissen über aktuelle Erkenntnisse der Innovationsforschung. Traditionelle Lehrbücher vermittelten lange das Bild des Herstellerunternehmens als zentralem Innovationstreiber. Auch die Unternehmen, die UserIn-Innovationen aufgreifen und kommerziell vermarkten, legen selten die Quelle der Innovation offen. So kommt es, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, wie mächtig und kreativ die große Masse der UserInnen sein kann. Der zweite Grund ist, dass Innovationen von außerhalb des Unternehmens vielfach als Bedrohung empfunden werden. „Not invented here“ heißt die weitverbreitete Tendenz von Organisationen, die Kreativität außerhalb des Unternehmens aktiv abzuwerten.

Was kann man tun?

Wer sich die gewaltigen ökonomischen Potenziale von User-Innovationen nicht entgehen lassen möchte, sollte unbedingt Zugang zu neuen Methoden und Erkenntnissen suchen. Schlagworte wie „Lead User“, „Crowdsourcing“ und „Innovationscommunities“ haben wohl die meisten Manager schon gehört – aber wie macht man es konkret? Welche Methoden helfen in welcher Situation? Wie kann man die Suche nach Innovationen effizient organisieren? Wie baut man ein dauerhaftes Ökosystem mit UserInnen-Communities auf? Das Wissen zu Methoden schreitet rasant voran. Wer die Chancen nutzen will, sollte rasch handeln.

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