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„Zahlt euren MitarbeiterInnen mehr Gehalt“

07.12.2017

Der Vordenker der Gegenwart über die Arbeitswelt der Zukunft

Wohlstand und Mitbestimmung für alle ist keine Illusion: Roger Martin, einer der einflussreichsten Management-Vordenker der Gegenwart, war im Vorfeld des Global Peter Drucker Forums zu Gast an der WU Executive Academy, um über Wohlstand, die immer größer werdenden Einkommensunterschiede zwischen „Creative Jobs“ und „Routine Jobs“ und die Zukunft von Arbeit zu diskutieren. Der Event zum Thema „Living the American Dream – Prosperity for Everybody“ war zugleich auch die Europapremiere seiner Dokumentation „ProsperUS“, in der Roger Martin sein Modell des demokratischen Kapitalismus als Grundlage für Wohlstand für alle präsentierte.

Roger Martin beim Event
Roger Martin war Ehrengast beim Podiumsgespräch.

Als der kleine Junge seinen Vater, einen Unternehmer, einmal fragte, warum er seinen ArbeiterInnen viel mehr bezahle, als auf dem Markt üblich sei, antwortete dieser: „Weißt du, Roger, sie brauchen es einfach.“ Diese Aussage seines Vaters hat Roger Martin geprägt. Und sie hat ihn zu einem der wichtigsten Management-Vordenker unserer Zeit gemacht. Seit kurzem steht der gebürtige Kanadier an der Spitze des Thinkers50, dem renommierten Business-Ranking, das alle 2 Jahre den „most influential business thinker“ weltweit kürt. Der langjährige Dean der Rotman School of Management der Universität Toronto ist Leiter des Martin Prosperity Institute und gilt als glühender Verfechter des Wohlstands für alle.

 

Unermüdlich setzt sich Roger Martin für ein Umdenken in der internationalen Business Community ein, um die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Niedriglohn- und höher qualifizierten Jobs zu schließen. Um Bewusstsein für seine Ideen zu schaffen, hat er die Kurzdokumentation „ProsperUS“ gedreht, die er am 15. November 2017 an der WU Executive Academy erstmals präsentierte.

 

"The American Dream" bleibt für viele ein Traum

Das größte Glück, in seiner kleinen Heimatstadt aufzuwachsen, war: „Jeder konnte prosperieren, jeder hatte Arbeit“, erzählt seine Stimme aus dem Off im Film. Heute hätten viele Menschen das Gefühl, dass der amerikanische Traum für sie unerreichbar sei. Die Mitarbeiterin einer Fast-Food-Kette berichtet davon, wie man ihr höhere Ziele im Leben absprechen würde, weil sie nur einen Billigjob mache. Eine Kellnerin spricht von ihren Ängsten, jederzeit ersetzt werden zu können und ein Taxifahrer vom existenzbedrohenden Wettbewerb. 35 Prozent aller Jobs in den USA sind in der Sparte Handel und Verkauf angesiedelt, dem Berufsfeld Nummer 1. „Diese Leute verdienen im Schnitt weniger als $10 pro Stunde, das ist nicht genug, um eine Familie zu ernähren“, sagt Martin. „Das Paradoxe daran: Das muss nicht so sein.“

 

Im anschließenden Gespräch mit Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, sagte der Management-Experte auf dem Podium mit Nachdruck: „Wir müssen die Einstellung der Konzerne ändern.“

Barbara Stöttinger, Dekanin, Edeltraud Hanappi-Egger, Rektorin der WU, und Roger Martin, Leiter des Martin Prosperity Institute
Barbara Stöttinger, Dekanin, Edeltraud Hanappi-Egger, Rektorin der WU, und Roger Martin, Leiter des Martin Prosperity Institute

Die Industrialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg habe großen Wohlstand mit sich gebracht, von dem vor allem große Konzerne wie etwa General Motors enorm profitiert hätten. Arbeitsprozesse wurden standardisiert, die Effizienz an Fließbändern maximal gesteigert, das Profitstreben wurde zur obersten Maxime erklärt und der/die Einzelne ersetzbar gemacht. „Man hat den Menschen gesagt, sie sollen ihr Hirn ausschalten. Das muss sich unbedingt ändern. Es wird Zeit, dass sie es wieder einschalten“, appellierte Roger Martin an das Publikum.

 

Denn: Die kapitalistische Profitmaximierung gehe auf Kosten der ArbeitnehmerInnen, die sich immer weniger leisten könnten. Die wachsende Einkommenskluft zwischen Routine- und Kreativjobs sei nicht nur ein Spezifikum der USA, denn auch in Europa ginge die Einkommensschere immer weiter auf.

 

Bisher, so sagte Martin, habe es vor allem zwei Business-Modelle gegeben: Erstens das Modell nach dem Motto „Machen wir mehr Profit – um jeden Preis“, und mancherorts das humanistische, das zwar glückliche MitarbeiterInnen, aber weniger Geld bedeutete. Die gute Nachricht: Es gebe aber noch das dritte Modell des demokratischen Kapitalismus: „Behandle deine Leute gut, stelle sicher, dass sie bei ihrer Arbeit mitdenken und zahl ihnen ein angemessenes Gehalt. Und gleichzeitig bleibt unterm Strich mehr Geld fürs Unternehmen!“

 

Costco und Four Seasons: Best Practices am oberen und unteren Preissegment

Martins Modell des demokratischen Kapitalismus bedeutet unter dem Strich ein gutes Einkommen für alle. Unternehmen, die demokratischen Kapitalismus leben, wie das Großhandelsunternehmen Costco würden es bereits vormachen: Profit wird hier nicht auf dem Rücken der ArbeitnehmerInnen gemacht, ihr durchschnittliches Monatsgehalt beträgt mit 1200 US$  rund 500 US$  mehr als der Branchenschnitt, gleichzeitig ist der Umsatz pro m² doppelt so hoch wie jener seiner Mitbewerber. „Es geht hier aber nicht um Nächstenliebe. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass bei Costco einfach alles besser ist: Höhere Rentabilität, höhere KundInnenzufriedenheit, zufriedenere MitarbeiterInnen, leichteres Recruiting – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen“, sagt Martin.

 

Aber auch im Luxussegment funktioniert dieses Prinzip: Die weltweit erfolgreichste Hotelkette Four Seasons setzt auf überdurchschnittliche Bezahlung ihrer Belegschaft. Ihr Credo: „Behandle deine MitarbeiterInnen wie Gäste.“

 

Möglich sei das, weil man den MitarbeiterInnen mehr Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortung zugestehe. „Für die Mitarbeiter bedeutet das höhere Gehälter und eine bessere Performance – und letztlich mehr Produktivität und Erfolg im Team, für die Unternehmen, für ganz Amerika“, so Martin. Die steigende Kaufkraft von ArbeitnehmerInnen bedeute nicht zuletzt auch: zahlungskräftigere KonsumentInnen.

 

Foto von Roger Martin
Martins Modell des demokratischen Kapitalismus bedeutet unter dem Strich ein gutes Einkommen für alle.

Chance und Herausforderung zugleich

Für die Unternehmen sei demokratischer Kapitalismus aber durchaus eine Herausforderung: „Das ist tricky, denn bei den Unternehmen müsse sich einiges ändern. Andererseits ist es nicht so schwierig: Behandle deine MitarbeiterInnen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Behandle sie einfach wie Menschen, die Gefühle, Ängste und Sorgen haben.“

 

Als Dekan der Rotman School of Management hat Roger Martin begonnen, etwas zu tun, was er allen ManagerInnen rät: Nämlich das zu delegieren, was andere gleich gut oder besser können, und sich auf jene Tätigkeiten zu konzentrieren, die man nur selbst erledigen kann. „Ich habe alle finanziellen Agenden an meine CFO abgegeben: Sie bekam deutlich mehr Verantwortung und im Gegenzug ein deutlich höheres Gehalt. Sie empfand ihre Arbeit als deutlich erfüllender und ich konnte mich an 54 Tagen im Jahr endlich mit anderen Dingen als Finanzen beschäftigen“, so Martin.

 

Roboter nur für Routinejobs

Die zunehmende Roboterisierung würde aus heutiger Sicht dazu führen, dass Menschen in Routinejobs durch Maschinen und Künstliche Intelligenz ersetzt werden. „Genau daher ist es so wichtig, Menschen wieder zu denkenden, selbstständigen MitarbeiterInnen zu machen. Es werden weit weniger Menschen durch Maschinen ersetzt, wenn sie ihr Hirn einschalten“, so Martin.

 

Auf die Frage eines Zuschauers, was er von einer Einführung eines Grundeinkommens für alle halte, sagte Martin: „Ich denke nicht, dass das dann nötig sein wird. Es wird auch in Zukunft genügend Jobs geben.“

 

2019 will Roger Martin mit seinem Prosperity Institut Empfehlungen und einen Action Plan für die Politik herausgeben.

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