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Career Story: Kaitlyn WonJung Chang - Knallharte Verhandlerin mit "Hungry Eyes"

13. August 2019

Eine Karriere von Südkorea bis nach Wien, mit Zwischenstopp in Cannes

Können Sie uns, bitte, Ihren bisherigen beruflichen Werdegang schildern? Was waren die prägendsten Stationen Ihres Lebens? Warum?

Ich komme ursprünglich aus Südkorea, bin in den USA aufgewachsen und lebe seit 2012 in Wien. Nachdem ich an der Yonsei University in Seoul Psychologie und französische Literatur studiert hatte, begann ich meine berufliche Laufbahn bei Nielsen, einem globalen Marktforschungsunternehmen, wo ich als Consultant tätig war. Nach drei Jahren machte ich den Sprung zu dem, was ich mir immer schon gewünscht hatte – Werbung –, und zur Werbeagentur der Samsung-Gruppe, Cheil Worldwide. Für dieses Unternehmen arbeitete ich volle zehn Jahre, wobei ich ein breites Spektrum verschiedenster Funktionen und Projekte kennenlernen konnte. Die meisten meiner Projekte hatten mit Markenstrategie und kreativer Innovationsstrategie für Samsung zu tun. Da Korea bereits 2010 über eine hochentwickelte IT-Infrastruktur verfügte – damals waren gerade die überhaupt ersten Smartphones auf den Markt gekommen –, konnten wir bereits mit Dingen wie Virtual und Augmented Reality experimentieren, um einerseits ein besseres Verständnis der Technologie zu erlangen und andererseits neue Geschäftsmodelle damit zu entwickeln. 2012 wurde ich dann als eine von insgesamt 200 Beschäftigten weltweit für eine Samsung-interne Managementaus- und -weiterbildung für High Potentials ausgewählt – und nach Österreich geschickt.

Schließlich übernahm ich als Geschäftsführerin der österreichischen Agentur-Zweigniederlassung die Verantwortung für unsere Geschäftstätigkeit in Österreich, der Schweiz, Serbien, Kroatien, Rumänien und Bulgarien. Das stellte mich vor ganz neue Herausforderungen, denn ich konnte zwar Projekte gut umsetzen, hatte aber nur eine äußerst vage Vorstellung davon, wie man ein ganzes Unternehmen führen sollte. Nach ein paar Jahren, die himmlisch und höllisch zugleich waren (mehr dazu später, keine Sorge), beschloss ich, Samsung zu verlassen, aber nicht nach Korea zurückzukehren, sondern in meiner dritten Heimat, Österreich, zu bleiben und den Schritt ins Ungewisse zu wagen.

So fand ich letztlich bei meinem jetzigen Unternehmen, KOBZA AND THE HUNGRY EYES – KTHE GMBH, einer unabhängigen Kreativagentur mit Sitz in Wien, eine neue Stelle, und zwar als Leiterin des Bereichs Strategie & Innovation – und begann zudem mein MBA-Studium mit Schwerpunkt Entrepreneurship & Innovation an der WU, nach dessen Abschluss ich das Angebot erhielt, ins Management des Unternehmens aufzusteigen. Seit Jänner dieses Jahres bekleide ich nun die Funktion des Chief Operating Officers (COO).

Etwas, was zwar eigentlich nicht zum „beruflichen Werdegang“ gehört, was an dieser Stelle aber trotzdem erwähnt werden soll, ist, dass ich mich in meiner Freizeit als Vizepräsidentin und Gründungsmitglied auch in der Leitung einer gemeinnützigen Organisation namens Women of Vienna engagiere. In nur vier Jahren hat sie sich organisch zu einer aktiven Gemeinschaft von 18.000 in Österreich lebenden Frauen entwickelt. Damit ist sie das größte existierende Frauennetzwerk des Landes. Ich sage deshalb immer, dass ich ein „zweites Leben“ habe – und während meines MBA-Studiums konnte ich viel mehr Energie als davor investieren, um die Entwicklung der Gemeinschaft voranzutreiben und Strukturen aufzubauen für ein besseres Management der großen, lebendigen Organisation, die Women of Vienna mittlerweile geworden ist – was mich in höchstem Maße mit Stolz und Dankbarkeit erfüllt.

Hatten Sie ursprünglich andere berufliche Pläne? Wenn ja, warum ist daraus nichts geworden?

Ich nicht, aber meine Eltern hatten andere Vorstellungen! Mein Vater wollte immer, dass ich im Finanzbereich arbeite, für den ich weder Interesse noch Talent mitbrachte. Ich bezeichne mich selbst gern als zahlenblind! Ich war immer ein kreatives Kind, das davon geträumt hat, etwas mit Kunst oder Musik zu machen. Allerdings erkannte ich schon sehr früh, dass ich nicht talentiert genug war, um als Künstlerin mein Geld zu verdienen, und so studierte ich erst einmal Geisteswissenschaften, nämlich Literatur und Psychologie – denn beides waren gewissermaßen ungebundene Fächer und daher faszinierend für mich.

Mein Vater drängte mich aber, es doch wenigsten mit Praktika und Studierendenjobs in Investmentbanken und Finanzinstitutionen zu versuchen – das tat ich auch, vier aufeinanderfolgende Semester lang, und konnte ihm absolut zweifelsfrei versichern, dass das definitiv nichts für mich war. Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich beschloss, stattdessen im Bereich Marketing/Werbung zu arbeiten – das schien mir am meisten Platz für Kreativität zu bieten, während man trotzdem in der Unternehmenswelt tätig ist –, und wie geschockt meine Eltern reagierten, denen ich aber bis heute unglaublich dankbar dafür bin, dass sie meine Entscheidung mitgetragen haben.

Was war Ihr größter beruflicher/persönlicher Erfolg?

Die letzten fünf Jahre waren für mich ein Kontinuum persönlichen wie beruflichen Wachstums und Erfolgs, worüber ich sehr froh bin. Ich habe in dieser Zeit mehr als 50 internationale Kreativ- und Innovationspreise gewonnen, und dachte mir eigentlich, dass es nicht mehr besser kommen kann, aber dann erhielt ich heuer im Juni eine Einladung zum Cannes Lions International Festival of Creativity, das so etwas wie der Nobelpreis der Werbewelt ist. Dort sollte ich als einzige Jurorin aus Österreich fungieren. Das war mit Abstand eine der größten Ehrungen, die mir in meinem Berufsleben bisher zuteilgeworden sind, zumal ich in der Jury einer der prestigeträchtigsten Auszeichnungen des Festivals saß, nämlich des Innovation Lions.

Was war die größte Herausforderung, mit der Sie sich konfrontiert sahen? Was war Ihr größter beruflicher Fehler (aus dem Sie viel gelernt haben)?

In den letzten fünf Jahren kam es aber auch zu einem der schlimmsten privaten und beruflichen Tiefpunkte meines Lebens. Meine Stelle bei Samsung gab ich nämlich deshalb auf, weil ich ein massives Burnout erlitt. Ich war schon immer ein Workaholic, wie er im Buche steht. Als ich in meinem vorherigen Unternehmen Geschäftsführerin wurde, war ich zwar bei den Projekten, an denen ich arbeitete, sehr gut, hatte aber praktisch keine Ahnung davon, wie man ein Unternehmen am besten führt.

Ich fühlte mich, als ob man mich ohne jede Vorwarnung in ein Haifischbecken geworfen hätte. Wir waren in puncto Qualität hervorragend unterwegs, aber ich machte mir unentwegt Stress, weil ich wollte, dass es auch quantitativ noch besser läuft – mit dem Ergebnis, dass ich schlussendlich ein völliges, katastrophales Burnout erlitt. In diesen Monaten wachte ich morgens auf und konnte mich nicht dazu bringen, auch nur irgendetwas noch so Banales zu tun, ich schaffte es nicht einmal aus dem Bett. Ich wusste nicht, was mit mir nicht stimmte, wollte mir einfach nicht eingestehen, dass ich ausgebrannt war, und machte damit die ganze Sache für mich und mein gesamtes Umfeld nur noch schlimmer, bis ich dann irgendwann doch erkannte, dass ich professionelle Hilfe brauchte. Das war der Zeitpunkt, als ich das Unternehmen verließ, eine Therapie begann, den Entschluss zum MBA-Studium fasste – und generell so unglaublich viel lernte, über mich und was ich im Leben und im Beruf will und auch darüber, wie schnell ich alles verlieren kann, wenn ich nicht achtsam genug bin.

Was waren die drei prägendsten Erfahrungen in Ihrem bisherigen Leben, die Sie dorthin gebracht haben, wo Sie heute sind?

Den Weg zu gehen, den ich wirklich gehen wollte. Ein Unternehmen, für das ich zehn Jahre gearbeitet hatte, zu verlassen, obwohl ich die Ungewissheit fürchtete, vor allem in einem Land, in das ich erst wenige Jahre zuvor gekommen war. Nach dem Burnout weiterzumachen, komme, was wolle.

Wie würden die drei Ratschläge lauten, die Sie dem talentiertesten High Potential in Ihrem Unternehmen für ein erfolgreiches und erfüllendes Leben mitgeben?

Vorausschicken möchte ich die Anregung, „männlichen/weiblichen“ in den Wortlaut der Frage aufzunehmen. Ich gehe davon aus, dass es sich um eine Frau handelt, denn Ratschläge für Männer von erfolgreichen Männern gibt es ja schon jede Menge.

Scheu dich nicht, auf die Gefühle aller, einschließlich deiner selbst, zu hören und sie in deine Entscheidungsfindung einzubeziehen. Verkauf dich niemals unter deinem Wert, vor allem nicht dir selbst gegenüber.

Wenn du etwas tun möchtest, aber ein wenig Angst davor hast, ist es genau das, was du machen SOLLTEST. Dass du dich fürchtest, bedeutet, dass du dafür deine Wohlfühlzone verlassen musst, daran wirst du bestimmt wachsen – egal, wie die Sache ausgeht. Und dass du es dennoch tun willst, heißt, dass du in die richtige Richtung – deinem Herzen folgend – wachsen wirst.

Wie würde Ihr Team Sie in fünf Wörtern als Führungskraft charakterisieren?

Ich habe nachgefragt und das wahnsinnig nette Ergebnis lautet:
Empathisch, innovativ, inspirierend, supergroße Stütze, knallharte Verhandlerin

Ich fühle mich zutiefst geehrt!

Was hat sich durch Ihr MBA-Studium beruflich verändert? Wie war Ihnen die Ausbildung dabei behilflich, Ihre Karriereziele zu erreichen? Was für Entwicklungsmöglichkeiten haben sich daraus konkret ergeben?

Der MBA hat mir buchstäblich dabei geholfen, eine bessere Führungskraft zu werden. Mein nach dem Burnout schwer in Mitleidenschaft gezogenes Selbstvertrauen ist wiederhergestellt worden und sogar noch gewachsen. Nach Abschluss der Weiterbildung bin ich in meinem Unternehmen in eine Managementposition aufgestiegen und konnte zudem viele der gelernten Dinge, geknüpften Kontakte und vor allem auch die zurückgewonnene Sicherheit und Zuversicht in meine gemeinnützige Arbeit einfließen lassen.

Im Zuge des MBA-Studiums eignete ich mir jenes Sachwissen an, das ich dringend brauchte, um in einer gehobenen Managementposition Führungsverantwortung übernehmen zu können. Außerdem erhielt ich Zugang zu zahllosen wertvollen Kontakten und Netzwerken, wodurch sich mir in jeder Hinsicht neue aufregende Türen öffneten – darunter Einladungen, bei diversen Konferenzen und Veranstaltungen Impulsreferate zu halten, Gelegenheiten zu unterrichten und natürlich neue spannende Projekte und Kooperationsmöglichkeiten.

Wie haben Sie es in puncto Arbeitsaufwand geschafft, das MBA-Studium mit einem anspruchsvollen Beruf und Ihrem Familienleben zu vereinbaren?

Da ich kinderlos bin, hatte ich es definitiv leichter als einige meiner Kommilitoninnen, die als berufstätige Mütter an der Weiterbildung teilnahmen. Vor diesen Kolleginnen, die trotzdem alles beeindruckend meisterten, habe ich größten Respekt. Alles in allem glaube ich, dass eine weitere großartige Sache, die jede und jeder aus dem MBA mitnimmt, der Umstand ist, dass man lernt, sich die Zeit viel, viel besser einzuteilen, als man das vor dem Studium konnte – weil man gezwungen ist, etliche sehr wichtige Dinge miteinander zu vereinbaren, und das nonstop zwei Jahre lang.

Was bedeutet für Sie „wahren Luxus“?

Der größte Luxus, den man haben kann, ist wohl Neugier. Ich habe immer wieder erlebt, wie Menschen ungeachtet ihres Alters und ihrer Lebensumstände mit ungeheurer Neugier eine neue Tür nach der anderen aufstoßen – und in der Folge wachsen. Wachsen kann man auf vielerlei Art und Weise, aber immer erst dann, wenn man Türen aufstößt – und nicht alle schaffen es, sich ihr Leben lang eine ausgeprägte Neugier zu bewahren.

Das letzte Buch/der letzte Film, wofür Sie sich begeistern konnten?

Trust Exercise von Susan Choi, der für den Pulitzer-Preis nominierten koreanisch-amerikanischen Autorin. Wer Gefallen an zeitgenössischer Literatur findet, kann sich auf einen echten Leckerbissen freuen.

Mit wem würden Sie gern einmal für einen Tag tauschen?

Mit jemandem aus dem Jahr 2519 – um selbst erleben zu können, wie es auf der Erde dann aussieht. Ehrlicherweise muss ich aber dazusagen, dass Lukas Binder gerade diesen Einfall hatte. Er ist unser Account Director bei KTHE und eines der großen Talente unserer Branche, mit denen ich bisher zusammenarbeiten durfte.

Wordrap

Darüber kann ich lachen:

Mich und die ulkigen Verränkungen meiner Katzen (die auch entzückend sind).

Fehler, die ich am ehesten verzeihe:

Wenn es an SCHWEIZER Pünktlichkeit mangelt. Ich bin, was Zeit anlangt, immer überoptimistisch und verspäte mich letztlich etwas. Habe ich erwähnt, dass ich zahlenblind bin?

Mein lustigstes/spannendstes Reiseerlebnis war:

Ich könnte von vielen verrückten Erlebnissen berichten, aber eines, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ereignete sich, als ich beruflich nach Brasilien – mitten in den Regenwald des Amazonas – reiste und zwei volle Wochen damit verbrachte, die dort lebenden Stämme für Filmaufnahmen zu besuchen. Die gesamte Crew war damals in einem Hotel auf einem Boot, das auf dem Amazonas trieb, untergebracht. Jeden Tag mussten wir in kleinen Paddelbooten zwei Stunden in eine Richtung fahren, um zu den versteckt gelegenen Dörfern der Stämme zu gelangen. Einmal bin ich irrsinnig zeitig aufgestanden und im Amazonas schwimmen gegangen. Dabei hatte ich das unglaubliche Glück, doch tatsächlich einen rosa Delphin berühren zu können. Ehrlich, kein ‏Schmäh. In den Flüssen im Amazonasgebiet gibt es rosa Delphine – wenngleich sie nicht wirklich rosa sind.

Ohne diese App auf meinem Handy könnte ich nicht leben:

Kalender. Während des MBA-Studiums habe ich mir etwas angewöhnt, was ich heute brauche, um richtig funktionieren zu können. Ich trage alle beruflichen und privaten Termine und sogar zu erledigende Aufgaben in meinen Kalender ein und reserviere jeweils ein bestimmtes Zeitfenster dafür. Probieren Sie es aus: Diese Methode ist äußerst effektiv und hilft, sich realistische Ziele zu setzen!

In meinem Kühlschrank findet man immer:

Kimchi, was sonst?!

Mein letztes Geld würde ich ausgeben für:

Katzenfutter

Vor 10 Jahren dachte ich:

Mit Blick auf meine vierte Dekade, dass ich schon längst erwachsen und irrsinnig reif sei.

 

 

Heute weiß ich:

Dass ich bei weitem noch nicht reif bin und noch unglaublich viel zu lernen habe – was ich aber auch weiß, ist, dass älter zu sein nicht bedeutet, Leute herumzukommandieren, nur weil ich älter bin, sondern, jüngere Menschen um mich herum wirklich unterstützen, fördern und inspirieren zu können.

 

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