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Der Super Bowl-Indikator

22.01.2018

Touchdown für die Wall Street 2018?

In Kürze ist es endlich wieder soweit: der Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Profiliga, geht über die Bühne. Fast eine Milliarde Menschen weltweit werden die 52. Auflage des Sport-Highlight des Jahres live auf dem Bildschirm mitverfolgen. Aber das internationale Mega-Event hält nicht nur die Sportfans in Atem, sondern auch die Wall Street: Schenkt man dem Super Bowl-Indikator Glauben, steigen oder fallen im laufenden Jahr der Börsenkurse je nachdem, welches Liga-Team (National Football Conference (NFC) oder American Football Conference (AFC)) im Finale gewinnt. Aus Sicht der BörsianerInnen wäre ein NFC-Champion der optimale Start ins noch junge Börsenjahr 2018.

 

Wir haben bei Prof. Manfred Frühwirth, Mitglied des Department of Finance, Accounting & Statistics der WU und wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Finance der WU Executive Academy, nachgefragt, ob hinter dem Indikator mehr als nur Zufall steckt: Gibt es vielleicht wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Ausgang des Finales und der Kursentwicklung an der Wall Street?

Anzeige einer Börsenkursentwicklung
Gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Ausgang der Super Bowl und der Kursentwicklung an der Wall Street? Foto © CC0 License

Seit 1967 hat die Theorie, dass mit einem NFC-Gewinner der Aktienindex der S&P 500 (der Aktienindex der 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen) im jeweiligen Jahr steigen und mit einem AFC-Gewinner sinken wird, 40 Mal zugetroffen. Das ist bei 51 Spielen eine Trefferquote von 78%.

 

„Wenn wir in die Zukunft blicken, so gilt grundsätzlich: Je mehr Daten man sammelt, desto geringer wird das sogenannte „Konfidenzintervall“ (d. h. desto verlässlicher wird das Ergebnis) und desto eher wird sich die Trefferquote 50% annähern. Im Fall des Super Bowl-Indikator ist die Trefferquote also fraglich. Es gibt sehr wenige Daten, weil nur eine Beobachtung pro Jahr stattfindet.

 

Im vergangenen Jahr hat die Prognose zum Beispiel nicht geklappt: 2017 war eines der erfolgreichsten Jahre an der Wall Street überhaupt, obwohl die New England Patriots (ein Team aus der AFC) gewonnen hatten“, sagt Frühwirth.

3 Amerikanische Football-Spieler und der Ball
Das Super Bowl-Orakel ist auf alle Fälle ein spannendes Gesprächsthema. Foto von Nathan Shively auf Unsplash.

Die eigentliche Krux mit dem Indikator

Aus finanzwirtschaftlicher Sicht gibt es keinen rationalen Grund und kein theoretisches Modell dafür, warum der Ausgang des Super Bowls Auswirkungen auf die Börsenkurse haben sollte. Der hergestellte Zusammenhang ist noch dazu rein binär: Gewinnt ein AFC-Team oder ein NFC-Team, so fällt oder steigt die Börse in diesem Jahr. „Gäbe es tatsächlich einen realen Zusammenhang, so wäre es durchaus auch denkbar, dass z. B. die Höhe des Ergebnisses, also der Punkteunterschied, einen Einfluss auf die Höhe der Performance an der Börse hätte. Das ist aber nicht der Fall. Beim Super Bowl-Indikator werden außerdem auch über 50 Jahre alte Daten miteinbezogen, die Rahmenbedingungen der Börse haben sich aber in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. All dies ist problematisch“, so Frühwirth, und ergänzt: „Warum die Trefferquote dennoch so hoch ist, hat mit nachträglicher Sinngebung zu tun: Da die Auswahl eines Indikators ex post erfolgt, kann man sich im Grunde genommen einen Indikator so lange zurechtrücken, bis er zumindest für die gewählte Stichprobe passt. Wenn es für den Super Bowl nicht stimmte, dann würden wir jetzt vielleicht über den Einfluss von Basketball, Eishockey oder Baseball auf die Börsenkurse im nächsten Jahr sprechen. Und wenn die Vorhersage nicht zur Rendite im laufenden Jahr passte, dann vielleicht für jene im laufenden Monat. Und notfalls könnte man noch bei der Auswahl des Aktienindex ein bisschen drehen. Sie sehen, hier sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. In jedem Fall würde man etwas finden, wo es einen vermeintlichen Zusammenhang gibt.“

 

Kontrollillusion nährt den Aberglauben

Warum sich der Aberglaube dennoch so hartnäckig hält, hängt mit einem Phänomen zusammen, das in Fachkreisen als Kontrollillusion (eine Facette der übermäßigen Zuversicht/Overconfidence) bezeichnet wird. Der Mensch will sich nicht eingestehen, dass er teilweise seiner Umwelt ausgeliefert ist und Teile seines Lebens nicht steuern kann. Somit sucht er ständig Muster und Kausalitäten und redet sich ein, dass er Dinge beherrscht. So wird im Leben generell und bei Wertpapierkursverläufen im Speziellen die prognostizierbare Komponente überschätzt und die zufällige Komponente unterschätzt.

Portrait Manfred Frühwirth

Prof. Manfred Frühwirth

  • Akademischer Leiter des Professional MBA Finance

Man glaubt, man hat seine Umwelt im Griff, in der Realität schaut das aber ganz anders aus. Zum Beispiel gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass der Mensch sich größere Gewinnchancen ausrechnet, wenn er selbst würfelt, als wenn jemand anderer für ihn würfelt.

Fußball, Kino und Behavorial Finance

Abseits des Super Bowl-Orakels gibt es in der Finanzwelt ähnliche Phänomene, die oft auf den Einfluss der Stimmung auf die Risikoaversion der InvestorInnen zurückgeführt werden: Manche Untersuchungen zeigen etwa, dass Fußball-Ergebnisse in den Tagen nach dem Spiel Auswirkungen auf Aktienkurse jener Unternehmen haben, die in der Stadt des siegreichen Fußball-Klubs angesiedelt sind. Gemäß anderer Untersuchungen soll auch das Kinoprogramm einen Einfluss auf die Börsenkurse haben: Je nach Stimmung, in der ein/e BörsenhändlerIn das Kino verlässt, verändert sich auch das Trading-Verhalten am darauffolgenden Tag.

Fußball-Stadion
Auch Fußball-Spiele können die Stimmung der InvestorInnen beeinflussen. Foto von Mario Klassen auf Unsplash.

Gründe, warum InvestorInnen in der Regel keine rationalen Beschlüsse fassen, gibt es viele: Sie sind – insbesondere angesichts der zunehmenden Informationsflut - nicht immer unbegrenzt aufnahmefähig, weisen hartnäckige Wahrnehmungsverzerrungen - z. B. in der Einschätzung von Risiken - auf, haben inkonsistente Präferenzen oder lassen sich von Emotionen leiten.

 

Deshalb ist für Manfred Frühwirth das Thema Behavorial Finance so spannend: „Im Gegensatz zur klassischen Finanzlehre berücksichtigt sie im Speziellen auch die Psychologie. Sie ist dadurch in der Lage, Ergebnisse zu liefern, die der Realität besser entsprechen, denn auch Menschen im Finance Bereich sind nur Menschen. Behavioral Finance ist daher auch ein großes Thema beim Professional MBA Finance bei uns an der WU Executive Academy.“

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